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Auf Augenhöhe mit dem Kind?

21. Januar 2026

Ein Essay über die Notwendigkeit der asymmetrischen Verhältnissen zwischen dem Kind und den Eltern.

Abbildung 1: Mutter und Kind (Eigene Kinderzeichnung)

Es ist ein schöner Sommernachmittag, ich spiele draussen im Garten mit meiner kleinen Schwester. Plötzlich höre ich die Stimme meiner Mutter, die ruft: «Kinder, eure Grossmutter ist am Telefon und will euch sprechen, kommt schnell hierher!» Ich unḍ meine Schwester schauen uns gegenseitig entsetzt an. «Ich will doch jetzt nicht mit meiner Grossmutter telefonieren, hier im Garten zu spielen gefällt mir doch viel besser. Muss das jetzt wirklich sein?», denke ich mir. «Mama, ich will lieber hier im Garten weiterspielen, wir wollen jetzt nicht telefonieren!», rufe ich zurück. «Nein, kommt jetzt her, eure Grossmutter will euch doch nur sprechen. Ihr müsst euch jetzt nicht so grausam verhalten», erklingt die Stimme meiner Mutter von drinnen. 15 Sekunden später befinden wir uns im Wohnzimmer und telefonieren mit meiner Grossmutter. Die Entscheidung war somit von unserer Mutter gefallen und wir hatten ihr zu folgen.

«Wer gehorchen muss, kann nicht zustimmen. Wer befehlen kann, muss nicht auf Argumente hören» (Z.16 – Z.17). So antwortet der Erziehungswissenschaftler Roland Rechenbach im Rahmen eines Interviews auf die Frage, warum er denn nun so allergisch gegen den Ausdruck «auf Augenhöhe mit dem Kind» reagiere. Dabei behauptet er, dass wir nur so tun würden, als gäbe es keine Asymmetrie zwischen dem Kind und den Eltern, obwohl es sie eben doch gibt (Z. 15 - Z.17). Ist denn diese Asymmetrie in der Erziehung notwendig?

Die Asymmetrie zwischen den Eltern und dem Kind – wieso gibt es sie überhaupt? Herrscht diese Asymmetrie aufgrund des Altersunterschiedes zwischen Eltern und Kind oder ist sie eine Sache des Respekts? So einfach ist diese Frage nicht zu beantworten. Ich denke weder das eine noch das andere allein sind der Grund für diese Unterordnung des Kindes gegenüber den Eltern. Die meisten Kinder werden in eine warmherzige Familie hineingeboren. Es besteht eine gewisse Abhängigkeit zwischen Kind und den Eltern, ohne die Eltern hätte das Neugeborene keine Überlebenschance in den ersten Lebensjahren. Später, wenn das Kind ein gewisses Alter und Reifung erreicht hat, beginnt es von den Eltern zu lernen, schaut sich Dinge ab, ahmt diese nach. Dem Kind wird versucht beizubringen, was schlecht und was gut in dieser grossen Welt ist. Im Idealfall wird es unterstützt und endlos geliebt. Das Kind wird erzogen. Die asymmetrischen Verhältnisse spielen sich somit ganz von sich selbst in die Erziehung mithinein und sind zunächst unvermeidbar. Dennoch sollten diese Verhältnisse nicht dauerhaft bestehen bleiben. Das Kind muss nämlich in diesem ganzen Prozess – einen Teil der Selbstbestimmung aufgeben, damit die Erziehung seinen Erfolg hat. Doch wie viel dieser Selbstopferung ist angemessen?

Was darf und sollte das Kind denn nun alles selbst bestimmen? Ist man ein schlechtes Kind, wenn man nicht das tut, was die Eltern einem sagen? Letztendlich ist es das Kind selbst, das über sein Leben entscheidet. Für mich lässt sich diese Frage nicht einfach mit einem Ja oder Nein beantworten. Dennoch denke ich, dass man kein schlechtes Kind ist, wenn man nicht auf die Eltern hört. Die Eltern sind aber auch nicht die Bösewichte der Geschichte, wenn sie ihre Autorität nutzen, weil sie das Beste für ihr Kind wollen. Oder auch rein aus ihrem Beschützerinstinkt heraus. Für eine gesunde und sichere Bindung zwischen Kind und Eltern ist ein Gleichgewicht zwischen der elterlichen Autorität und der kindlichen Selbstbestimmung zwingend. Denn wie soll das Kind später lernen, vernünftig Entscheidungen im Leben zu treffen? Die Eltern werden ja wohl nicht für immer für das Kind entscheiden können. Mit zunehmendem Alter wird das Kind vernünftig und reif, es gewinnt an Einsicht. Es ist selbst dazu fähig das Gute vom Schlechten zu unterscheiden. Zu sagen, was es gut findet und was schlecht. Die Erziehung erreicht irgendeinmal einen Punkt, an dem sich die hierarchischen Strukturen auflösen sollten. An dem sich das Kind und die Eltern auf Augenhöhe begegnen sollten – sich eine Symmetrie einstellen sollte. Das Kind muss nicht mehr angeleitet werden, sondern wünscht sich jetzt Anerkennung von den Eltern.

Rückblickend erscheint mir die Situation aus meiner Kindheit in einem anderen Licht. Vielleicht war das Telefonat mit meiner Grossmutter nicht verhandelbar. Vielleicht hätte es jedoch einen Unterschied gemacht, wenn man uns die Situation erklärt hätte, dann hätten wir nicht gehorchen müssen, sondern auch verstanden.

Freiraum in der Erziehung ist immer wichtig. Das Kind soll sich selbst in der Umwelt als aktives Wesen umschauen und neue Dinge entdecken. Es soll aufstehen, stolpern, fallen, aber dann wieder aufstehen. Die Eltern sollten dabei als Wegweiser dienen. Das Kind unterstützen beim Aufstehen, es belehren, wie es das nächste Mal allein aufstehen kann. Doch in welchem Masse Freiraum gewährt, und die Asymmetrie beibehalten werden sollte, ist eine Sache der Ansicht. Denn wie Reichenbach schön sagt: « Autorität ist ein ambivalentes Phänomen, man muss ihre Schwächen kennen, aber auch ihre Stärken.»