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#Deutsch#Türkisch#Bilingualität#Harari#Selbstbild#FiktiveSprache

Wie Mehrsprachigkeit mein Selbstbild prägt

19. April 2026

Im ersten Jahr des Gymnasiums haben wir uns im Deutschunterricht mit Fragen beschäftigt wie: Was macht den Menschen aus? Worin unterscheidet sich der Mensch von anderen (vergleichbaren) Lebewesen und was ist seine Erfolgsgeschichte? Im Rahmen dieser Unterrichtseinheit haben wir das zweite Kapitel Der Baum der Erkenntnis aus dem Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit von Yuval Noah Harari gelesen, gemeinsam besprochen und einen Versuch gewagt, uns den Sachtext zu erschliessen und die zentralen Inhalte und Zusammenhänge des Textes abzubilden. Dies war, soweit ich mich erinnern kann, der erste Sachtext, den wir im Deutschunterricht gelesen und uns erarbeitet haben.

Im Rahmen dieses Blogeintrags werde ich zentral das Phänomen der «fiktiven Sprache» behandeln und anschliessend werde ich mich mit dem Einfluss der Mehrsprachigkeit auf mein eigenes Selbstbild auseinandersetzen.

Ein Blogeintrag von Lara Serin

Abbildung 1: Eigene Fotografie

Etwas, an das alle glauben: Erfundene Wirklichkeiten

Die komplexe Sprachfähigkeit des Homo sapiens ist eine Folge der kognitiven Revolution. Der Homo sapiens erlebt vor ungefähr 70'000 Jahren einen Quantensprung in der Denk- und Sprachfähigkeit, mit dem es ihm auch gelingt, den weitverbreiteten Homo neanderthalensis zu verdrängen und sich über den gesamten Globus auszubreiten. Mit seiner komplexen Sprachfähigkeit kann der Homo sapiens die sprachlichen Herausforderungen in einer Gruppe besser meistern. Die komplexe Sprachfähigkeit des Homo sapiens drückt sich massgeblich dadurch aus, dass er auch Sachverhalte formulieren kann, die nicht Teil der wahrnehmbaren Welt sind. Er ist in der Lage, über Vergangenes, Zukünftiges, Unsichtbares und nur Vorgestelltes zu sprechen. Der Homo sapiens kann sich somit eine sprachliche Wirklichkeit erschaffen, dies wird meist in Form von erzählten Geschichten (z. B. Mythen) getan. So ist es ihm möglich, ein Identitätsbewusstsein zu erschaffen und effektiv in grossen Gruppen zusammenzuarbeiten. Harari begründet dies am Beispiel der Peugeot-Legende, in der erläutert wird, dass Dinge wie Geld, Menschenrechte, Götter und Ähnliches keine physischen Objekte sind, sondern auf fiktiver Sprache beruhen und nur in den Köpfen der Menschen existieren.

Dazu schreibt Harari:

«Diese Dinge existieren jedoch nur in den Geschichten, die wir Menschen erfinden und einander erzählen. Götter, Nationen, Geld, Menschenrechte und Gesetzte gibt es gar nicht – sie existieren nur in unserer kollektiven Vorstellungswelt.» […] «Anders als eine Lüge ist eine erfundene Wirklichkeit etwas, an das alle glauben. Und solange alle daran glauben, hat die erfundene Wirklichkeit ganz reale Macht in der wirklichen Welt.»

Somit ist die wirklichkeitsschaffende Funktion der Sprache auch heute noch von zentraler Bedeutung für unsere Gesellschaft und Kultur. Wir Menschen leben in gemeinsam konstruierten Bedeutungen.

Die komplexe Sprachfähigkeit bildet auch die Grundlage für die kulturelle Evolution, mit der sich der Homo sapiens von der Begrenztheit seiner biologischen Ausstattung befreien kann und eine kulturelle Vielfalt entwickeln kann. Da Sprache Wirklichkeit erschafft, können kulturelle Vorstellungen von Menschen sich unterscheiden und auch widersprechen. Keine der Kulturen ist dabei minderwertiger als eine andere, da sie alle eine Folge der komplexen Sprachfähigkeit sind.

An dieser Stelle möchte ich – in einem zweiten Teil – auf die Frage eingehen, wie es Menschen mit Bilingualität (und Bikulturalität) geht. Wie wird ihre Identität von Mehrsprachigkeit beeinflusst? Dabei kann ich niemand Besseren befragen als mich selbst.

Das «Ich» [türkisch: ben]

Wenn der menschlichen Sprache eine solch konstitutive Funktion zugeschrieben wird, dass sie Wirklichkeit erschaffen kann, stellt sich für mich die Frage, was dies mit meinem Selbstbild als bilingual und bikulturell geprägter Mensch macht.

Ich bin hier in der Schweiz geboren. Meine Eltern haben mit mir von meiner Geburt an nicht Deutsch gesprochen, sondern Türkisch. Deutsch habe ich somit erst in der Schule gelernt. Trotzdem würde ich sagen, dass mein Deutsch stärker ausgeprägt ist als mein Türkisch. Zuhause mit meinen Eltern sowie mit meiner jüngeren Schwester spreche ich ausschliesslich Türkisch. Ich habe zudem einige türkische Kolleginnen, mit denen ich mich somit in meiner Muttersprache unterhalten kann. Mein Deutsch ist deshalb stärker ausgeprägt, da ich es in meinem alltäglichen Leben sowie in sachlichen bzw. formellen Situationen verwende. Türkisch hingegen spreche ich hauptsächlich im privaten Alltag. Ich verwende die Sprache somit kaum in formellen Kontexten und brauche dafür kein breites Vokabular und keine komplexen Satzstrukturen.

Eine Frage, die ich schon einige Male gestellt bekommen habe, ist, in welcher Sprache ich denn nun denke. Ich muss gestehen, dass es keine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt, denn ich denke gewissermassen in beiden Sprachen. Ich kann es nicht eindeutig voneinander trennen, jedoch vermute ich, dass es von vielen Faktoren abhängt.

Im Türkischen fühle ich mich familiärer und ich denke, dass es die Sprache ist, die mich auch auf einer emotionalen Ebene berührt, z. B. höre ich türkische Musik viel lieber als deutsche. Deutsch ist für mich eher die Sprache für sachliche Dinge. Ich verbinde die Sprache auch stark mit der Schule oder dem Lernen. Sie ist eher die Sprache der Struktur in meinem Leben. Ich kann auch sagen, dass ich mich fast unterschiedlich fühle, wenn ich die beiden Sprachen spreche oder etwas in der jeweiligen Sprache lesen oder schreiben muss. Ich könnte mir jetzt z. B. nicht vorstellen, diesen Blogeintrag auf Türkisch zu schreiben, vor allem nicht den ersten Teil. Zudem würde ich nicht behaupten, dass sich meine Identität verändert, wenn ich die eine oder die andere Sprache spreche. Ich würde eher behaupten, dass ich mich anders fühle und dass ich für jede Situation, für jede Emotion, für jedes Gefühl, für jeden Gedanken und für jede Person, mit der ich gerade spreche, die «richtige» bzw. «dazugehörige» Sprache benötige, um mich wie ich selbst zu fühlen. Ich kann mir kaum vorstellen, mit meiner Familie Deutsch zu sprechen. Oder auch bei gewissen Menschen – ganz unabhängig davon, ob sie die Sprache überhaupt sprechen – habe ich die passende Sprache, mit der ich mich auch wohl fühle. Ein biologischer Sachverhalt auf Türkisch zu erklären, erscheint mir ziemlich unrealistisch. In mein Tagebuch auf Deutsch zu schreiben, wie ich mich gerade fühle, ebenfalls.

Wenn es um Bikulturalität geht, fühle ich mich nicht sehr mitteilungsbedürftig, denn ich fühle mich ausschliesslich der türkischen Kultur zugehörig und könnte nicht wirklich sagen, dass es – wie bei der Sprache – ein Hin und Her ist.

Meine Schlussgedanken zu dieser Reflexion sind, dass die Prägung meiner Person durch die Mehrsprachigkeit mich selbst – meine Persönlichkeit, meinen Charakter – nicht verändert. Sie macht mich zu mir selbst und hilft mir, mein Selbstbild zu stabilisieren. Sprache dient uns Menschen nicht nur der Kommunikation, mir persönlich gibt sie auch den Rahmen dafür, wie ich mich selbst in den einzelnen Sprachen wahrnehme, fühle und auch ausdrücken möchte und mich dabei möglichst als ich selbst fühlen möchte.