Im Deutschunterricht haben wir die moderne Literatur und die traditionellen Literatur gegenübergestellt. Als Beispiele für moderne Erzählliteratur haben wir Die Ermordung einer Butterblume von Alfred Döblin und Der Process von Franz Kafka gelesen, für traditionelle Texte Ein Doppelgänger von Theodor Storm. Im Rahmen dieses Blogeintrages habe ich mir die Frage gestellt: Wie ähnlich ist das aktive Erschliessen von Sinn in moderner Literatur und in digitaler Kommunikation?
Ein Blogeintrag von Lara Serin

Der Begriff 'modern' stammt vom lateinischen modernus und wurde im 19. Jahrhundert auch auf Literatur übertragen.
modern, Adjektiv
in der jüngsten, letzten Zeit aufgekommen
a) der neusten Mode, dem neusten Geschmack entsprechend, modisch
b) dem neusten Stand der gesellschaftlichen, wissenschaftlichen oder technischen Entwicklung entsprechend, heutig, neuzeitlich, zeitgemäss
c) nicht althergebracht, nicht klassisch
Autorinnen und Autoren, die sich als modern verstanden, grenzten sich bewusst von bestehenden Traditionen ab und wandten sich aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen zu. Moderne Literatur reagiert auf veränderte Lebensbedingungen und sucht nach neuen Ausdrucks- und Gestaltungsformen, wobei zentrale Merkmale der traditionellen bürgerlichen Literatur abgelehnt werden. Für ihr Verständnis ist der Begriff der Struktur zentral, da Form und Inhalt untrennbar verbunden sind und Gestaltungsmerkmale wie Erzählperspektive, Figurenkonzeption oder Sprache wesentlich zur Bedeutung beitragen. Ein literarischer Text wird so als komplexes Gefüge verstanden, dessen Elemente miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig beeinflussen.
In der traditionellen Literatur sind die Hauptfiguren feste Persönlichkeiten mit stabilen Charakterzügen, die Handlung gestalten oder darauf reagieren. Sie spiegeln ein kohärentes Menschenbild mit individueller Identität wider. Der Erzähler ist eine verlässliche Instanz, entweder als personale Figur oder als allwissender Erzähler, und bietet einen festen Blickpunkt, von dem aus sich die einzelnen Handlungselemente zu einem stimmigen Gesamtbild fügen. Die Wirklichkeit wird kohärent und nachvollziehbar dargestellt, die Handlung folgt einer logischen Abfolge, und Innenleben sowie Umgebung der Figuren stimmen miteinander überein, sodass sich Einzelbilder zu einem stimmigen Gesamtbild fügen. In der traditionellen Literatur dient Sprache als kunstvolles Mittel zur Darstellung der Wirklichkeit, oft poetisch und symbolisch, und macht die Fiktion des Textes selbst auf subtile Weise sichtbar. In der traditionellen Literatur dient die feste Figur als Identifikationspunkt, der Leser*innen ermöglicht, die Handlung einfühlsam nachzuvollziehen und sich auf der Basis einer kohärenten Wirklichkeit in die Geschichte einzufühlen. In der modernen Literatur verliert die Figur ihre feste Identität, wirkt widersprüchlich und fremdbestimmt. Sie wird stärker durch äussere Umstände, gesellschaftliche Zwänge oder innere Triebe definiert. Es gibt keinen festen Orientierungspunkt mehr. Erzählerinnen sind oft subjektiv, unzuverlässig oder unsichtbar und spiegeln eine komplexe, unübersichtliche Welt wider, wobei die scheinbare Strukturlosigkeit bewusst gestaltet ist und der Text als durchdachtes Gefüge funktioniert. Moderne Literatur verzichtet auf eine kohärente Wirklichkeit. Perspektiven und Erzählung sind fragmentiert, die Welt wird als Konstruktion und Erfindung präsentiert, wobei einzelne Szenen bewusst als Einzelbilder stehen und sich kein geschlossenes Gesamtbild mehr ergibt. Moderne Literatur nutzt Sprache sachlich oder berichtartig, eng an gesprochenes Deutsch angelehnt, mit fragmentierten Zeitebenen, Perspektivwechseln und Montage-Techniken, wodurch Texte assoziativ und offen wirken, aber dennoch bewusst komponiert sind. In der modernen Literatur fehlt der feste Orientierungspunkt, wodurch die Lesenden bewusst entfremdet werden und aktiv erkennen sollen, dass das Werk eine Konstruktion ist, die kritisch-reflektierend und eigenständig erschlossen werden muss.
In der modernen Literatur, wie wir sie bei Kafka oder Döblin gesehen haben, ist Sprache nicht einfach nur ein Mittel, um eine Geschichte zu erzählen. Sie zeigt uns, dass alles offen ist und wir als Leserinnen und Leser aktiv mitdenken müssen. Bei Der Process oder Die Ermordung einer Butterblume gibt es keine festen Figuren oder eine klare, geordnete Wirklichkeit. Wir müssen selbst zusammenfügen, wie die Handlung läuft, was die Figuren wollen, und wie alles zusammenhängt. Genauso ist es heute, wenn man in Chats, Emojis oder Memes kommuniziert: Kein Emoji sagt genau, was es bedeutet, Memes können witzig sein, ironisch oder kritisch, und nur wer aufmerksam ist, versteht den Sinn.
Man kann fast sagen, dass moderne Literatur uns trainiert, solche Dinge zu lesen und zu verstehen. Bei den traditionellen Texten, wie Ein Doppelgänger, ist alles klar: Figuren haben feste Identität, die Handlung läuft logisch, die Sprache ist poetisch und gut verständlich. Da muss man nicht so viel mitdenken. In Kafka oder Döblin dagegen müssen wir oft Interpretieren, überlegen, was gemeint sein könnte, und selbst Verbindungen herstellen. Bei einem Meme oder Emoji im Chat machen wir genau dasselbe, nur in echt: wir überlegen, was gemeint ist, schauen auf Kontext, auf die Person, die es geschickt hat, und ziehen unsere eigenen Schlüsse.
Auch die Zeit spielt eine Rolle. In modernen Texten springt die Handlung, es gibt Rückblenden, Erinnerungen, manchmal weiss man gar nicht genau, was zuerst passiert. In den Chats oder auf Social Media ist das ähnlich: Nachrichten, Bilder, Videos kommen durcheinander, man muss alles selbst einordnen und verstehen, damit es Sinn ergibt. Ohne aktives Mitdenken geht nichts.
Am Ende merkt man, dass moderne Literatur und unsere heutige digitale Kommunikation etwas gemeinsam haben: Sie fordern uns heraus, kritisch zu lesen und selbst Bedeutungen zu erschliessen. Wir werden nicht nur passive Leserinnen oder Leser, sondern Mitgestalterinnen und Mitgestalter – ob beim Text von Kafka, Döblin oder bei einem Meme im Chat. Genau das macht die moderne Literatur so spannend und gleichzeitig sehr anders als die traditionellen Werke.